Zwischen Netzwerken und Kooperation:
Was trennt, was verbindet uns?

- von Katrin Steiner -

22.jpgWelche Funktion haben Shopping Malls im Norden und Süden? Inwieweit ist Konsum ein integrierendes Moment des Neoliberalismus? Wie wichtig sind soziokulturelle Zentren für den Widerstand gegen die neoliberale Umstrukturierung der Städte?

Dies waren nur einige Fragen, die am 18. September 2005 im Abschlussforum diskutiert wurden. Leonel Yáñez und Michael Ramminger stellten anhand von Fotos die Thesen und Ergebnisse des Besuchsprogramms zur Diskussion. Während des Austausches darüber wurden auch die Diskussionsergebnisse der Workshops vom Samstag weiter erörtert und neue Fragen aufgeworfen, die nicht alle abschließend diskutiert werden konnten.

Shopping Malls – Verheißung oder Bedrohung?
Ein typisches Phänomen, das sich in Städten des Südens ebenso findet wie im Norden, sind die Shopping Malls oder Einkaufszentren, wie zum Beispiel das CentrO in Oberhausen.
Wie schon an den „Münster Arkaden“ deutlich wurde, verschwimmt der Unterschied zwischen privatem und öffentlichem Raum in diesem Shopping Malls; Leonel Yáñez betonte, dass in Chile beispielsweise die Menschen ihre Freizeit in solchen Malls verbringen, nicht nur um zu kaufen, sondern auch, um dort spazieren zu gehen. Damit gibt es eine ständige Spannung zwischen dem reinen Umherschlendern und der Verführung durch die Angebote in den Läden. Gleichzeitig bemerkte Yáñez, dass es unterschiedliche Shopping Malls für spezifische Klassen in der Gesellschaft gibt: Viele Viertel in Santiago haben Shopping Malls, in denen sich die Menschen des jeweiligen Viertels treffen. Nach anfänglicher Einschätzung könnte sich hier ein Unterschied zwischen Süd und Nord manifestieren: So scheinen die Shopping Malls in Lateinamerika für die Menschen eine Verheißung zu sein und integrierende Funktion zu haben, im Norden scheinen diese Malls erst zu entstehen und möglicherweise eher eine repressive Funktion zu haben, weil sie der Mittelschicht permanent vor Augen führen, was sie sich nicht leisten kann.
Diese These wurde kontrovers diskutiert, denn auch in Berlin gibt es beispielsweise am Potsdamer Platz oder in der Gropius-Stadt Shopping Malls, die sehr fein differenziert auf die untere Mittelklasse zugeschnitten sind. Zudem scheint die Funktion von Malls eher zu sein, über den Konsum eine Zustimmung zum neoliberalen Wirtschaftssystem herzustellen. Dafür spricht, dass beispielsweise das CentrO in Oberhausen von der Masse angenommen wird, und auch die vielen Kneipen als Abendunterhaltungsort genutzt werden.
Andererseits wird nicht nur an Shopping Malls deutlich, dass es im neoliberalen System klare Ausgrenzungen bestimmter Bevölkerungsgruppen gibt. So ist zwischen Funktion von Malls und ihrer Aneignung zu unterscheiden. In ihrer Funktion richten sich die Malls an Leute, die konsumwillig und konsumfähig sind. Dadurch wird Hegemonie über den Raum ausgeübt. Die Beherrschung des Raumes ist in Innenstädten beispielsweise nicht in diesem Maße möglich, dort finden sich vielmehr Leute, die nicht in das Konsummodell passen. Solche Menschen finden sich natürlich auch in Shopping Malls, denn Menschen eignen sich Räume anders an, als es die Mall-Betreiber beabsichtigt haben. So werden Widersprüche des neoliberalen Projekts insbesondere hinsichtlich der Jugendlichen deutlich, die einerseits ein Kaufpotential darstellen und umworben werden, andererseits sich einfach an solchen Orten aufhalten, weil dort viel passiert.
Aber kann diese „widerständige Aneigung“ wirklich ein Ansatzpunkt sein? Welche Aktionen lassen sich hier konzipieren, welche AkteurInnen gewinnen? Und was eignet mensch sich da an bzw. von wem wird mensch angeeignet?

O-Töne zu dieser Thematik (Achtung: Rauschen!)

Leonel Yáñez zu Shopping Malls in Chile (dt.)

Stephan Lanz zu Funktion und Aneignung von Shopping Malls

 

Soziokulturelle Zentren: Nische oder gesellschaftliche Anbindung?
24.jpgPolitischer Widerstand braucht Freiräume, in denen die Denkmuster des Neoliberalismus hinterfragt, Alternativen entwickelt und politisches Handeln gelernt werden können. Hier spielen sozio-kulturelle Zentren, wie das Bethanien in Berlin oder das Don Quijote in Münster eine große Rolle. Auch im Süden spielen solche Zentren eine große Rolle. So ist der Widerstand in den 80er Jahren gegen das Regime in Chile beispielsweise in solchen Zentren entstanden und organisiert worden. Die Menschen, die damals daran beteiligt waren, organisieren teilweise heute wieder die Proteste und den Widerstand gegen neoliberale Strukturen in Chile.
Zugleich stellt sich aber die Frage, wie sie sich auf gesellschaftliche Faktoren beziehen. Werden beispielsweise Nischen geschaffen, die in sich eher abgeschlossen sind oder wirken sie auch in die Gesellschaft hinein, beispielsweise durch politische Aktionen?

Besetzungen in Nord und Süd
25.jpgHäufig finden sich Freiräume im Zusammenhang mit Besetzungen von Häusern oder öffentlichen Räumen, so dass die Debatte um Besetzungen in Süd und Nord einen großen Raum einnahm.
Für Chile stellte Leonel Yáñez klar, dass es kaum Hausbesetzungen gegeben habe, die Geschichte von Besetzungen und politischem Widerstand sich eher auf Land in einer Stadt bezogen hat. Dort errichteten die Menschen ihre Zelte und forderten von der Regierung, das Land zu erhalten, damit sie ihre Häuser selbst bauen können oder Sozialwohnungen bzw. Wohnraum an anderer Stelle zu erhalten. So entstanden die großen poblaciones, wo die Menschen selbst ihre Häuser errichteten und die oben erwähnten soziokulturellen Zentren ins Leben riefen. Diese Entwicklungen treffen auch für Brasilien zu, hier entstanden auf besetztem Land die sogenannten favelas. Zudem werden seit einiger Zeit leerstehende Häuser besetzt, um dem Mangel an Wohnraum abzuhelfen. Die Frente de Luta Popular beispielsweise organisiert diese Besetzungen, und hier ist auch Andreia da Silva aktiv.
Hier scheint es einen großen Unterschied zwischen Süd und Nord zu geben. Während die Besetzungen im Süden als Ausdruck eines sozialen Bedürfnisses nach Wohnen gesehen werden könnten, scheinen Besetzungen im Norden mit der Idee einer alternativen Lebensform verknüpft zu sein.
Dies kann jedoch auch nur ein scheinbarer Gegensatz sein. So kann es zwar sein, dass die Besetzungen in Lateinamerika, also die poblaciones in Santiago, die favelas und die Hausbesetzungen in Rio, zunächst aus der Wohnungsnot entstanden sind, sie haben sich seitdem aber weiterentwickelt. Für die Menschen in den favelas von Rio ist es beispielsweise nicht attraktiv, in Sozialwohnungen umgesiedelt zu werden, weil der soziale Zusammenhalt in solchen Siedlungen fehlt. Ihnen geht es vielmehr um die Verbesserung der Lebensverhältnisse in den favelas, also um eine funktionierende Infrastruktur und das Ende der Polizeigewalt. Dementsprechend können auch die favelas, poblaciones und Hausbesetzungen als eine andere Lebensform gelten. Hier gibt es möglicherweise also doch Ähnlichkeiten zum Norden und Anknüpfungspunkte für eine internationalistische Arbeit.
Besetzungen unterliegen insbesondere heute einem extremen Rechtfertigungsdruck. Am Beispiel des Wagendorfs Lohmühle auf dem ehemaligen Berliner Grenzstreifen wurde dies besonders deutlich. Ursprünglich wurde die Lohmühle gegründet, um den freien Platz des Grenzstreifens alternativ zu nutzen. Da das Gelände sehr zentral ist, wurde es im Zuge der neoliberalen Umstrukturierung schnell für Investoren interessant. Um diesem Druck standzuhalten und eine Rechtfertigung zum Bleiben sowie eine Akzeptanz in den angrenzenden Vierteln zu haben, macht die Lohmühle nun kulturelle Projekte.

O-Töne zu dieser Thematik (Achtung: Rauschen!) 

Leonel Yáñez zu Besetzungen in Santiago de Chile (dt.)

Leonel Yáñez zu Besetzungen in Santiago de Chile (span.)

Michael Ramminger zu Besetzungen in Süd und Nord und Wagenburgen 

Stephan Lanz zu Besetzungen aus "existentieller Not" und  "alternativer" Nische in Nord-Süd-Perspektive

Susanne Dzeik zu Wagenplätzen und der Rolle von Kultur als Rechtfertigung

 

Migration – ein anderes Thema in Süd und Nord?
23.jpgDer Komplex Migration sorgte ebenfalls für angeregten Austausch im Abschlussforum. Leonel Yáñez berichtete von peruanischen MigrantInnen, die in Santiago de Chile unter prekären Bedingungen arbeiten und leben müssen. In Santiago sind sie deshalb gezwungen, in ärmeren Stadtvierteln zu wohnen, und im Krankheitsfall geraten sie in Konflikt mit dem System, weil sie keine Papiere haben. Eigentlich dürfen die Ärzte sie deshalb nicht behandeln, wenn sie es aber dennoch tun, bekommen sie Probleme bei der Abrechnung. Noch, so Yáñez, werden diese MigrantInnen aber nicht staatlich verfolgt. Bemerkenswert in Bezug auf den Raum Stadt ist außerdem, dass sie öffentliche Räume durch ihre Präsenz prägen. So wird eine Straße nördlich der Kathedrale in Santiago „Allee der Peruaner“ genannt, weil sie sich dort aufhalten, auf Arbeitsangebote warten und sich austauschen. Mittlerweile haben sich ganz in der Nähe auch billige Telefonanbieter angesiedelt, von wo aus die PeruanerInnen günstig nach Hause telefonieren können.
In Bezug auf die Situation von MigrantInnen scheint es also Parallelen zum Norden zu geben, denn hier wird die prekäre Arbeit häufig auch von MigrantInnen (Dienstmädchen etc.) erledigt. Chile ist hier allerdings anders zu betrachten als beispielsweise Brasilien, denn seit es in Chile die „demokratische Illusion“ gibt, so Yáñez, gibt es auch die Illusion, Chile sei in Lateinamerika das am weitesten entwickelte Land, so dass es für MigrantInnen interessant ist, dorthin zu gehen, um ihre Familien ernähren zu können. Hinsichtlich der Organisation von MigrantInnen berichtet Leonel Yáñez von einigen kleinen Büros in Santiago, die versuchen, regelmäßig alternative Zeitungen für MigrantInnen herauszugeben.
In Brasilien hingegen gibt es ein großes Armenheer innerhalb des Landes, so dass die Binnenmigration in die großen Zentren Sao Paulo und Rio de Janeiro eine große Rolle spielt. Die Erfahrung, dass MigrantInnen aus einem anderen Land kommen und die Billigjobs übernehmen, gibt es deshalb eher nicht.
Am Beispiel Mexiko wurde zudem deutlich, dass Migration innerhalb eines Landes hierarchisieren kann. Einige MexikanerInnen schaffen es, in die USA zu gelangen, arbeiten dort prekär und teilweise illegal und schicken ihr Geld zurück zu ihren Familien. Gleichzeitig gibt es eine nachrückende Migration von Leuten aus Zentralamerika nach Mexiko, die dort dann die prekäre Arbeit machen.
Bezüglich des politischen Engagements im Bereich der Migration lassen sich in Süd und Nord einige Unterschiede feststellen. Im Norden, vor allem in der BRD bedeutet Migrationsarbeit häufig auch Antirassismusarbeit. In Brasilien hingegen ist Migrationsarbeit abgekoppelt von Antirassismusarbeit. Dort gibt es einen Binnenrassismus, der nicht mit der Migration im 20. Jahrhundert zusammenhängt, sondern sich auf die Sklavenverschleppung und die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung zurückführen lässt. Gegen diesen Rassismus gibt es in Brasilien schon lange politische Arbeit. Eine internationalistische Arbeit könnte deshalb vielleicht an diesem Punkt ansetzen, weil die Themen sehr ähnlich sind.

O-Töne zu dieser Thematik (Achtung Rauschen!) 

Leonel Yáñez zu Migration in Chile und peruanischen MigrantInnen in Chile (dt.)

Susanne Dzeik und Michael Ramminger zu Migration in Brasilien 

Stephan Lanz zu Migrationsarbeit und antirassistischer Arbeit in Nord und Süd

Perspektiven internationalistischer Arbeit
21.jpgWie kann eine internationalistische Arbeit für eine Stadt, eine Welt für alle also unter diesen Bedingungen aussehen? Diese Frage stellte sich insbesondere durch die Feststellung, dass heute viele Kämpfe, zumindest im Norden, vereinzelt sind und die Bemühungen, diese zu verknüpfen, noch sehr in den Kinderschuhen stecken. Vor diesem Hintergrund ist insbesondere der Prozess in Venezuela spannend, da es dort die Regierung unter Chavez geschafft hat, durch das Öffnen von Gestaltungsräumen den Diskurs verändert zu haben. In Venezuela ist es so gelungen, eine andere Mentalität zu schaffen und ein gemeinsames, kollektives Projekt als Zielorientierung zu etablieren. Auch wenn der Populismus Chavez' misstrauisch machen sollte, wie in der Diskussions mehrmals betont wurde, lohnt es sich, darüber nachzudenken, wie ein gemeinsames Projekt ins Leben gerufen werden könnte. Leonel Yáñez erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass die einzelnen Kämpfe sehr unterschiedlich seien und dies möglicherweise akzeptiert werden müsse. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, denn das neoliberale Entwicklungsmodell, das gegenwärtig weltweit etabliert ist, zielt nicht auf das Wohl des Menschen sondern nur auf wirtschaftliche Gewinne. In diesem Sinne ist es möglich, eine gemeinsame Widerstandsidentität zu finden und den Kampf unter den heutigen Bedingungen zu führen. Neben den gemeinsamen Zielen einer echten Demokratie und Menschlichkeit, ist es, so Susanne Dzeik, auch wichtig, über Organisationsformen nachzudenken: Wie können die vereinzelten Kämpfe verknüpft werden, wie können globale Strukturen aufgebaut werden?
Vielleicht bieten hier die Diskussionen der Tagung erste Ansatzpunkte:
- Wie lässt sich eine wiederständige Aneignung von (öffentlichen) Räumen mit Aktionen politisieren, welche AkteurInnen lassen sich hier gewinnen? Was eignet mensch sich da an bzw. von wem wird mensch auch angeeignet?
- Wie beziehen sich Alternativprojekte auf gesellschaftliche Prozesse, wie können sie dort politisch wirken?
- Welche Themen könnten alternative Lebensformen wie Hausbesetzungen, favelas und poblaciones gemeinsam in die Diskussion bringen?
- Wie kann man eine Atmosphäre der Akzeptanz für alternative Projekte und alternatives Denken schaffen, damit solche Projekte nicht gleich wieder über das Label „kulturell wertvoll“ neoliberal überformt und gerechtfertigt wird?
- Wie lässt sich die antirassistische Arbeit internationalisieren? 

O-Töne zu dieser Thematik (Achtung Rauschen!) 

Ludger Weckel zur Fragmentierung sozialer Kämpfe

Leonel Yáñez zur Fragmentierung sozialer Kämpfe und Perspektiven internationalistischer Arbeit (dt.)

Leonel Yáñez zur Fragmentierung sozialer Kämpfe und Perspektiven internationalistischer Arbeit (span.) 

Susanne Dzeik zur Fragmentierung sozialer Kämpfe und einem fehlenden gemeinsamen Projekt 

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