MAIZ - die zapatistische Kunsthandwerkbewegung in Mexico Stadt erobert sich Freiräume

Am verriegelten Eingangstor hängt ein Schild mit der Aufschrift M.A.I.Z.- Movimiento Artesania Indigena Zapatista, indigene zapatistische Kunsthandwerkbewegung. Durch die Drahtmaschen blickt man auf einen staubigen Platz, der sich zur Regenzeit in eine Schlammgrube verwandelt, und auf Häuschen aus Wellblech und Pappe. Eine Frau, die "Wachdienst" hat öffnet das Tor. Spielende, staubüberzogene Kinder grinsen mich neugierig an und die Frauen waschen die Wäsche an einer der zwei Wasserstellen. Mittlerweile gibt es fließendes Wasser und ein Abflusssystem für die vier "open-air"-Toiletten, der Strom, der Licht für alle Häuser liefert, wird abgezapft.

So sieht die aktuelle Wohnsituation der Triqui-Indigenas aus, die Anfang der neunziger Jahre nach Mexico-Stadt zogen. Die Ureinwohner des südlichen Bundesstaats Oaxaca suchten einen Ort, an dem sie ihr traditionelles Kunsthandwerk ohne Zwischenhändler verkaufen, wo ihre Kinder studieren und sie selbst autonom und frei von Repression leben konnten. Damals fanden sie nur mit Mühe ein Stück Land, auf dem die staatlichen Behörden sie duldeten. Die Triqui suchten sich zunächst ein 12.000m² großes Gebiet, auf dem sie sich niederließen und mit ihrer Arbeit begannen. Dort erhielten sie aber weder Bleibe- noch Erwerbsrecht und wurden nach elf Monaten von der Regierung umgesiedelt. Im Oktober 1995 bekamen sie ein anderes Gebiet, von 3000m² zugeteilt. Mit der Begründung, es gebe kein Abwassersystem und kein fließendes Wasser, weigerte sich die Regierung das Land an die Triqui zu verkaufen. Der Aufenthaltsstatus blieb auch ungeklärt.

Kampf um Land

Um ihrer Forderung nach Recht auf eigenen Boden Nachdruck zu verleihen, verbarrikadierten die Triqui das für den Grundstücksverkauf zuständige Wohnungsbauamt und demonstrierten für ihre Rechte. Fünf Jahre dauerte der Kampf um das Gebiet in Iztapalapa im Südosten von Mexiko-Stadt, bis im Jahr 2001 die Regierung wechselt: Die seit 70 Jahren ununterbrochen herrschende PRI-Partei (Partido Revolucionario Institucional – Partei der institutionalisierten Revolution) wird von der PRD (Partido de la Revolución Democrática – Partei der demokratischen Revolution) abgelöst. Die Triqui setzen diesmal die PRD-Regierung unter Druck, das Land an sie zu verkaufen. Die PRD lenkt ein und übergibt das Land für 810.000 Pesos (ca. 55.000 Euro) in monatlichen Raten zu 19.125 Pesos (ca.1.300 Euro) den Triqui.

Eine Geschichte der Verfolgung und Missachtung

Auch die Geschichte der Triqui erzählt von Unterdrückung und Missachtung: In den 70er Jahren begann die herrschende Partei Oaxacas, die PRI, das Triqui-Gebiet militärisch und politisch zu kontrollieren und für ihre eigenen Interessen zu nutzen. Die Belange der indigenen Bevölkerung spielten für die Politiker keine Rolle. Um ihr Land zu verteidigen, auf dem sie seit je her leben und arbeiten, gründete die indigene Bevölkerung das Movimiento de Unificación y Lucha Triqui (MULT – Bewegung der Vereinigung und des Kampfes Triqui). Der Konflikt zwischen den Triqui und der herrschenden Regierung dauerte bis Ende der achtziger Jahre. Immer wieder wurden Menschen eingesperrt und bedroht, wenn sie sich nicht dem Willen der Regierung beugten. Nach vielen Verhandlungen zwischen MULT und Regierung zogen die militärischen Kräfte schließlich ab. Heute ist das MULT Teil der korrupten Regierung und setzt sich nicht mehr für die Belange der Triqui-Bevölkerung ein.

Heute, in Mexico-Stadt, führt Juan mich in der Gemeinde herum. Er hat mich mit seiner Tochter von der nächstgelegensten Metrostation abgeholt und erklärt, dass die Gemeinde gerade sehr leer sei, weil die meisten Menschen gerade ihre Ware in der Stadt verkaufen. Inzwischen wohnen rund 40 Familien hier, insgesamt um die 250 Triqui und Eingeheiratete anderer Ethnien. Vor einigen Hütten kann man winzige liebevoll angelegte Gärten erkennen, zu mehr reicht der Platz nicht aus. Juan betont, dass es schon merkwürdig sei, dass die Indigenas, die ursprüngliche Bevölkerung Mexikos, in der größten Armut lebt und erzählt, wie es in ein paar Jahren aussehen soll: Eine feste Straße, größere Steinhäuser, Pflanzen, Gemeindehäuser, eine Schule, in der sie selbstbestimmt unterrichten können, um den Kinder ihre Kultur weiterzugeben; eine Herberge, in der die Triqui, die auf begrenzte Zeit nach Mexiko-Stadt kommen, um ihre Waren zu verkaufen, und alle BesucherInnen übernachten können; ein zweisprachiges Radio mit dem sie ihre Kultur verbreiten können; ein Angebot von Workshops ... und und und.

Kunsthandwerk als Selbstverständnis 

1994 gründen die Triquis MAIZ (Indigene und zapatistische Kunsthandwerk-Bewegung), um organisiert für ihre Rechte zu kämpfen und gemeinsam ihre Ziele zu verfolgen. Die Abkürzung MAIZ steht auch für die Pflanze Mais, die Grundnahrungsmittel in Mexiko ist und für die Triqui ein Element des Lebens darstellt.

Das “M” steht für Bewegung (Movimiento), für einen Zusammenhalt der Gemeinschaft, in der Demonstrationen organisiert und Barrikaden gebaut werden und wo zusammen gegen die Autoritäten vorgegangen wird, um ihre Forderungen durchzusetzen. Das “A” steht für das Kunsthandwerk (Artesania), das eng mit den Traditionen der einzelnen Regionen verbunden ist. JedeR stellt in Handarbeit individuell verschiedene Artesania her. Mit dem “I” beziehen sie sich auf ihre indigenen Wurzeln. Das bedeutet unter anderem für sie, dass Triqui ihre Muttersprache ist und nicht das von der Mehrheit der MexikanerInnen gesprochene Spanisch (Kastilisch). Sie kleiden, sich anders und haben einen besonderen Bezug zur Natur, zur Mutter Erde. Und mit dem “Z”, wie zapatistisch beziehen sie sich auf Emiliano Zapata, der in der mexikanischen Revolution mit seiner Armee, die hauptsächlich aus indigenen Menschen und besitzlosen Landarbeitern bestand, einen Kampf für Tierra y Libertad (Land und Freiheit) geführt hat. Eben diesen Kampf führen die Triqui nun weiter fort.

Die Bewegung MAIZ stellt auch die Hoffnung auf eine andere Form des Zusammenlebens dar als die, die der Staat vorgibt. In der Gemeinde gibt es eigene Regeln, nach denen die Menschen im gegenseitigen Einverständnis leben. Die Regeln kommen nicht "von oben", sondern sind von den Menschen für sie selber gemacht und für alle nachvollziehbar. Der Konsum von Alkohol zum Beispiel ist innerhalb der Gemeinde verboten, weil jedeR weiß, dass er schnell zu Gewalttätigkeit und Abhängigkeit führt und das wenige Geld, das sie mit dem Verkauf der Artesania verdienen, nicht für den Alkohol ausgegeben werden soll. Die Organisation innerhalb der Gemeinde sieht so aus, dass es fünf verschiedene Repräsentanten gibt, die aber keine Entscheidungsbefugnis haben, sondern nur die Ergebnisse der monatlich stattfindenden Versammlungen nach außen tragen und einige verwaltungstechnische Aufgaben erledigen (KassenwartIn etc.). Diese Repräsentanten (zur Zeit nur Männer) werden von der Gemeinde für zwei Jahre gewählt, können aber auch jederzeit wieder abgesetzt werden. Die anfallenden gemeinschaftlichen Arbeiten wie Müll sammeln, Nachtwache und Ähnliches verrichten alle BewohnerInnen der Gemeinde im Wechsel.

Um ihre eigene und andere Bewegungen zu stärken, gibt es eine Vernetzung mit anderen Indigena-Bewegungen innerhalb von Mexiko-Stadt. Insgesamt sind es sechs Gruppen, die sich gegenseitig in ihrem Kampf um Land zum Leben, zum Arbeiten und für kulturelle Angebote, unterstützen.

Der Kampf für ein würdigeres und selbst bestimmtes Leben wird fortgesetzt. Dafür fordern die Triqui auch Geld vom Staat – eine Gefährdung ihrer Autonomie sehen sie darin nicht. Wenn das Gebiet im Mai 2005 endlich abbezahlt ist und ihnen gehört, können die Projekte beginnen. Der Kampf für ein würdigeres Leben hat schon längst begonnen...

Über MAIZ ist auch ein Buch erschienen in dem sich die Mitglieder gegenseitig interviewen, ihre Bräuche erklären und ihre Geschichte festhalten. In der Serie "Mündlich überlieferte Geschichte" sprechen die Triqui auch über ihre persönlichen Erfahrungen.

 

-- kaos -- 

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