Zwischen Markt und Supermarkt
Bericht über den Workshop innerhalb der Tagung "Welche Stadt für wen? Die Stadt demokratisieren!" im Februar 2006
- von Johann Jäckel -
Impulsreferat von Boniface Mabanza (Demokratische Republik Kongo):
Auf dem historischen Hintergrund des Kolonialismus sowie anschließenden Ausplünderung und der Interventionen ausländischer Mächte herrschen im Kongo zur Zeit Mafia-ähnliche Wirtschaftsstrukturen. Es werden allein 3 Mrd. Dollar für Kriegswirtschaft ausgegeben. Der Krieg ist nicht zuletzt ein Verteilungskampf um Rohstoffe. Aufgrund von Flucht und Migration ist die Verarmung in den Städten am Größten. Gleichzeitig sind die durch den Krieg bedrohten natürlichen und menschlichen Ressourcen von großem Interesse für internationale Konzerne.
Kinshasa ist in gewisser Weise eine typische postkoloniale Stadt, geprägt von einem elitären Stadtprojekt. Die Stadt ist ein Ort der sozialen Apartheid. Das Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich wird deutlich im Vergleich zwischen Markt und Supermarkt in Kinshasa. Der Supermarkt wird bereits durch seine Ausstattung zum Symbol von Wohlstand. Darin sind nicht nur importierte Produkte zu finden, sondern auch lokale Produkte, die sich die Mehrheit der Bevölkerung der Stadt nicht leisten kann (z.B. lokal produziertes Fleisch). Der schmutzige Marktplatz hingegen ist das Symbol des Überlebenskampfs. Auch finden sich nicht nur lokale sondern auch importierte Produkte, die den Ansprüchen der reichen jedoch nicht genügen. In jeder grossen Stadt, auch in der Dritten Welt, reproduziert der globale Kapitalismus ein bestimmtes Konsumklima: Neugikeiten und Konsumgüter aus Industrieländern überfluten die Märkte von Kinshasa. Aber die grosse Frage ist, wer sich das leisten kann. Die Bevölkerungschicht, die sich das teuere importierte Lebensmodell leisten kann ist sehr klein. Sie fährt im Luxuswagen zum Supermarkt einkaufen, ist abgeschirmt von Bodyguards, wohnt in sicheren Stadtvierteln. Diese Apartheid wird aufrecht erhalten, indem die Beteiligung des mehrheitlichen Bevölkerungsteils an der Gestaltung des städtischen Lebens behindert wird. Durch diese Entwicklung ergibt sich eine immer wachsende Macht in den Händen der politischen und wirtschaftlichen Elite. Angesichts der vertikalen Machtstrukturen, welche die Stadt ihrer gemeinschaftlichen Dimension berauben, organisiert sich die Mehrheit der Bevölkerung im Rahmen verschiedener horizontaler Orte, von denen aus Widerstand geleistet wird. Diese Orte sind die Straße, der Markt und alle anderen Räume der Begegnungen, an denen sich Initiativen der gegenseitigen Stärkung und der Selbsthilfe entwickeln.
Sozialen Bewegungen in Afrika erleben eine prekäre Situation: Sie standen und stehen immer noch im Visier von Militärregime, geraten in den Sog der Unterdrückung von Befreiungsbewegungen, in die Felder bewaffneter Konflikte. Die Agenda der sozialen Bewegungen ist geprägt durch das Ende des Einparteiensystems. Kämpfe gegen Privatisierungen öffentlicher Dienstleistungen gehen einher mit Versuchen von Selbstorganisation sowie der subversiven Nutzung vorhandener Handlungsspielräume. So werden zum Beispiel bei Kämpfen gegen die Demontage der Energieversorgung Leistungen durch Besetzung von Straßen oder Transformatoren wieder angeeignet. Gleichzeitig sind für den Kampf um Basisorientierung und gegen Privatisierung Geld und Ressourcen der öffentlichen Verwaltung nötig. Dies birgt zwar einerseits die Gefahr der Abhängigkeit in sich, stärkt aber andererseits auch das Bewusstsein, dass das Genutzte „sowieso uns gehört“.
In der augenblicklichen Diskussion geht es nicht zuletzt darum, immer wieder neue Alternativen für Entwicklung aufzubieten, z.B. ein Netzwerke als soziale Kraft aufzubauen, welches den Namen Zivilgesellschaft wirklich verdient. Die so genannte „Zivilgesellschaft“ ist mittlerweile als einer von vier Gesprächspartnern der Nationalkonferenz etabliert und damit letztlich in der Regierung vertreten. Diese Form der Zivilgesellschaft, gebildet von Nicht-Regierungs-Organisationen (NRO), kirchlichen Verbänden und professionellen Organisationen führt zu einer Entwicklungspolitik, die durch die Bindung an staatliche Institutionen konditionalisiert ist. Dagegen gilt es ein neues Basis orientiertes Netzwerk aufzubauen.
Der Staatsbegriff wird somit zu einem zentralen Diskussionspunkt: In der jetzigen Form ist der Staat in der Demokratischen Republik Kongo vorwiegend als ausbeuterischer, gewalttätiger Apparat präsent. Durch die Abwesenheit eines „zivilen Staats“ ergibt sich jedoch gleichzeitig Freiraum für „autonome Projekte“. Dieser wird zum Teil von NROs gefüllt, wodurch diese mit ihren Projekten quasi Staatsfunktionen übernehmen, bzw. ersetzen.
Auch die Bedeutung der Stadt veränderte sich in den vergangenen Jahren durch verschiedene gesellschaftliche Transformationsprozesse. So zum Beispiel durch ein neues Rollenverständnis von Frauen und Männern. In Verbindung mit der ökonomischen Krise führten die Kämpfe unverheirateter Frauen für ihre Rechte zu einer veränderte gesellschaftlichen Rolle von Frauen.
Letztlich stellt sich die Frage: Wie können lokale Initiativen, im Spannungsverhältnis mit Formen der Staatlichkeit, Chancen der Partizipation in Städten stärken und befördern?