Zweiter Arbeitsmarkt, Ein- Euro- Jobs, Solidarität und Vernetzung - Besuch in Wuppertal
- von Ludger Weckel -
Am Donnerstag, den 2.3.2006 sind wir von den Leuten vom Autonomen Zentrum in Wuppertal eingeladen. Neben einer durchaus nicht nur für Gäste aus Lateinamerika, Afrika oder Asien ungewöhnlichen Anfahrt in der Schwebebahn, hatten die Gesprächspartner aus Wuppertal zunächst eine Rundtour durch die „soziale Realität“ vorbereitet: Ein Gespräch mit der Leiterin des Café Berlin, einem offenen Beratungs- und Begegnungszentrum am Berliner Platz in Oberbarmen, ein Kurzbesuch im Gebrauchtmöbelladen Brockenhaus, dann das Mittagessen in der Kantine der Wuppertaler Tafel und anschließend ein Gespräch mit der Leiterin. Hintergrund dieser Gespräche ist, dass sich die Leute vom Autonomen Zentrum Wuppertal gegen Sozialabbau engagieren. Insbesondere versuchen sie auf die Problematik der neu geschaffenen Einrichtung der Ein-Euro-Jobs aufmerksam zu machen, indem sie sowohl die Träger von Einrichtungen mit Ein-Euro-Jobs ansprechen als auch die Menschen, die im Rahmen eines Ein-Euro-Jobs beschäftigt werden. Das offensive Besuchen von Einrichtungen hat dabei in der Vergangenheit durchaus schon zu Konflikten geführt, so dass wir mit Spannung unseren Besuchen entgegensehen. Zum Abschluss des Tages in Wuppertal sind wir dann ins Autonome Zentrum am Wuppertaler Ölberg selbst eingeladen, u.a. zum Gespräch über das Selbstverständnis und die Geschichte des Autonomen Zentrums.
Café Berlin – Brauchen wir einen Zweiten Arbeitsmarkt?
Das Café Berlin kann man als klassisches Sozialprojekt bezeichnen. Dort arbeiten zwei SozialarbeiterInnen, eine Zahl Freiwillige und 6 Ein-Euro-Jobber. Die Mitarbeiterin Frauke Vesper, die uns zum Gespräch zur Verfügung steht, bezeichnet das Café als Anlaufstelle für Menschen im „sozialen Brennpunkt“ in Wuppertal Oberbarmen.
Das offene Beratungsangebot werde von sehr verschiedenen Leuten und Bedürftigen angenommen. Im Gespräch wird deutlich, dass es für „deutsche Männer“ wohl am leichtesten ist, das Angebot anzunehmen bzw. die Hemmschwelle des Eintretens zu überwinden. Besonders schwierig sei es für Menschen mit Migrationshintergrund, dort wiederum vor allen Dingen für Frauen.
Frau Vesper machte im Gespräch deutlich, dass die Ein-Euro-Jobs ein soziales Integrationsangebot für Leute darstellen, die faktisch im regulären Arbeitsmarkt keine Chance haben (z.B. gerade aus der Entgiftung Kommende) und dass es nicht um deren „Ausbeutung“ gehe, sondern darum, diesen Personen eine Chance zu bieten, neues Selbstwertgefühl zu erlangen. Sie begründete dies u.a. damit, dass sich die sechs Ein-Euro-Jobber im Café Berlin an die Herausforderungen des Ein-Euro-Jobs „herangearbeitet“ hätten. Die Bedingungen für Ein-Euro-Jobs lauten, dass die Verträge über ein halbes Jahr laufen und 30 Stunden Arbeit pro Woche abgeleistet werden. Die sechs MitarbeiterInnen des Café Berlin seien vorher im Programm „Brückenschlag“ beschäftigt gewesen, wo es um „bis zu 15 Wochenstunden“ Arbeit für gemeinnützige Zwecke gegangen sei. Und dort hätten einige die 15 Stunden nicht erreicht. Aus dieser Perspektive wurde von Frau Vesper auch das politische Konzept eines „zweiten Arbeitsmarktes“ ins Gespräch gebracht: Es gebe einen Bedarf an Arbeitsmöglichkeiten außerhalb des „normalen Arbeitsmarktes“, den man nicht ignorieren dürfe.
Graciela Draguisevich hat dem aus ihrer Perspektive insofern zugestimmt, als auch sie feststellte, dass die Differenz zwischen den Anforderungen des (formalen) Arbeitsmarktes und den Fähigkeiten und Möglichkeiten der Mitglieder unterer Schichten immer größer wird.
Brockenhaus - Von der Problematik der Ein- Euro- Jobs
Auf dem Weg nach Elberfeld machten wir beim Gebrauchtmöbelladen Brockenhaus halt. Dies ist ein gemeinsames Projekt von drei Diakonie-Einrichtungen, der GESA (Gemeinnützige Gesellschaft für Entsorgung, Sanierung und Ausbildung), der Diakonie Wuppertal und dem Wichernhaus. Im Brockenhaus werden gespendete und in der eigenen Werkstatt aufbereitete Gebrauchtmöbel zu günstigen Preisen an den Mann und die Frau gebracht. Es arbeiten im Brockenhaus 4 Hauptamtliche und ca. 30 Ein-Euro-Jobber, die für sechs Monate eine Stelle über 30 Wochenstunden haben, wobei sie pro Stunde 1,50 € zusätzlich zu ihrer Hartz IV-Unterstützung (345 € pro Monat plus Mietzuschuss für eine „angemessene“ Wohnung) bekommen. Aufgrund dieser Struktur, dass das Möbelhaus faktisch nur mit Ein-Euro-Jobs betrieben wird, ist das Projekt zum Referenzpunkt für eine Gruppe des Autonomen Zentrums als Kritiker des Sozialabbaus und der Ein-Euro-Job-Initiative geworden. Das Brockenhaus wurde von ihnen bereits mehrfach besucht, u.a. um mit den Betroffenen darüber zu sprechen, dass sie mit diesen Jobs ausgebeutet werden. Sie sind bei Besuchen auch schon aus dem Haus verwiesen worden.
Wir sind als Gruppe von 13 Personen in das Brockenhaus gegangen, haben uns dann aber aufgeteilt und an verschiedene dort tätige Mitarbeiter gewandt. Dabei wurde auch hier wieder in einigen Gesprächen deutlich, dass aus Sicht der Betroffenen sie diese Jobs nicht unbedingt oder in erster Linie zur Aufbesserung ihres Hartz IV-Einkommens nutzen, sondern das die regelmäßige Arbeit für sie die Chance darstellt, um in ihrer prekären Situation nicht ganz abzurutschen oder mit der Stelle die Hoffnung verbunden ist, die Rückkehr in den formalen Arbeitsmarkt zu schaffen. Deutlich wurde in den Gesprächen aber auch, dass die Einzelnen eher für sich kämpfen, ihre „eigene“ Situation verbessern wollen und darüber dann keine Kapazitäten mehr frei sind, ihre Situation als Folge eines strukturellen Problems zu sehen oder anzugehen. Auch hier kam der Hinweis von Graciela, dass dies für sie sehr verständlich sei: Die Menschen in den armen Notsiedlungen in Buenos Aires, die täglich ums Überleben zu kämpfen haben, haben keine Ressourcen, um sich politisch zu organisieren.
Die Wuppertaler Tafel – Solidarität zwischen den „Gästen“?
„Tafeln“ sind seit ca. 10-15 Jahren in fast allen größeren Städten zu finden. Das Prinzip: Lebensmittelgeschäfte und Bäckereien „spenden“ kurz vor dem Ablauf der Haltbarkeit stehende Lebensmittel an die Tafel, die diese kostenlos an Bedürftige verteilt. So auch die Wuppertaler Tafel. Sie ist aber darüber hinaus eine der ganz wenigen oder die einzige in Deutschland, in der nicht nur Lebensmittel kostenlos verteilt werden, sondern auch eine „Kantine“ betrieben wird, in der es kostenlos Morgens, Mittags und Abends Essen gibt. Die Wuppertaler Tafel ist nach Auskunft von Bärbel Mahlmann in den vergangenen 10 Jahren von einer Initiative zu einem „mittelständischen Unternehmen“ geworden, das mit 10 eigenen Transportern Lebensmittel von den Spendern abholt und verteilt und das in der Kantine, einer von der Stadt Wuppertal mietgünstig zur Verfügung gestellten alten Produktionshalle im Stadtteil Elberfeld täglich ca. 600 Portionen Essen ausgibt. Mit sog. Plattentouren werden täglich Lebensmittel in der Stadt verteilt und mit einem Medi-Mobil, einem für die medizinische Grundversorgung ausgestatteten Transporter, werden Menschen auf der Straße in Wuppertal und zwei Nachbarstädten versorgt. Es arbeiten bei der Wuppertaler Tafel ca. 160 Ehrenamtliche, von denen einige aus der Erfahrung eigener Betroffenheit, andere aus caritativen Motiven mitarbeiten. Es gibt immer eine ganze Reihe Personen, die durch ihre Mitarbeit gerichtlich auferlegte Sozialstunden für irgendwelche Vergehen ableisten (müssen). Und auch 22 Ein-Euro-Jobber und 4 Festangestellte gibt es. Wie auch schon im Cafe Berlin und im Brockenhaus wurde auch hier die Frage nach dem Solidaritätspotential der Betroffenen gestellt. Oder mit Boniface Mabanza formuliert: Ist das Angebot der Wuppertaler Tafel gemeinschaftsstiftend? Wird Solidarität unter den „Gästen“ aufgebaut, oder bleiben sie mit einem Gefühl allein, eigentlich überflüssig zu sein? Diese Frage blieb leider unbeantwortet.
Auf die Frage, ob es Bestrebungen gebe, von der Stadtpolitik mehr Engagement und Ressourcen zu fordern, hieß es, dies sei sogar eher nicht gewünscht, weil damit die Angst verbunden sei, in den eigenen Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt zu werden, z.B. bei der Lebensmittelverteilungen in der Innenstadt. Die kostenlose Verteilung von Lebensmitteln im Stadtzentrum sei eine wichtige öffentlichkeitswirksame Maßnahme, um auf die Armut aufmerksam zu machen. Damit werde aber unweigerlich auch Müll verursacht, was der Stadtverwaltung ein Dorn im Auge sei. Dies nehme die Tafel in Kauf, ein stärkerer Einfluss der Stadt oder gar eine Abhängigkeit hätte voraussichtlich zu Folge, dass solche Aktionen verhindert oder verlagert würden.
Frau Mahlmann machte darauf aufmerksam, dass sich die Menge der kostenlos abgegebenen Lebensmittel und der Essen in der Kantine in den vergangenen 10 Jahren aufgrund der gestiegenen Bedürftigkeit vervielfacht habe. Deutlich werde die Bedürftigkeit auch daran, dass z.B. jeweils am Monatsanfang die Zahl der Gäste nicht so hoch sei, ab Mitte des Monats dann aber deutlich ansteige. Bedrückend für sie sei und bleibe, bei aller Alltäglichkeit der Armut, die sie erlebe, die Tatsache, dass zunehmend Familien mit Kleinkindern in die Kantine der Wuppertaler Tafel kommen würden.
Das Autonome Zentrum – Freier Raum und gemeinsames politisches Programm?
Unsere letzte Station dieses Tages ist das Autonome Zentrum im Stadtteil Ölberg in Wuppertal, deren Engagierte uns bisher durch die Wuppertaler Realität geführt haben. Sie berichten uns vom Selbstverständnis der Autonomen Zentren, deren Geschichte und deren Schwierigkeiten heute. Das Autonome Zentrum sei seit den 80er Jahren durch mehrere Hausbesetzungen und nach mehrfachen Räumungen erkämpft worden. Es ist ein Teil eines ehemaligen Feuerwehrgebäudes. Vor einigen Jahren sei ein bis dahin besetztes und genutztes Gebäude geräumt und abgerissen worden. Als Ersatz habe die Stadt – mit neuer Strategie – ihnen den Teil des ehemaligen Feuerwehrgerätehauses überlassen, auch wohl, um weiteren Ärger zu vermeiden. Im Gespräch wird deutlich, dass die Gruppe zwar diese Räume von der Stadt mit mittelfristigem Nutzungsvertrag angenommen hat, ansonsten aber die Stadt eher als Gegenüber denn als Gesprächspartner versteht. In manchen Formulierungen über das Verhältnis zur Stadt schwingt aber auch so etwas mit „Routine“ oder „Tradition“ mit: Wir waren immer gegeneinander und es gibt keine guten Gründe dies zu ändern.
Im Autonomen Zentrum treffen sich verschiedene Aktionsgruppen und Plena, die aber untereinander nicht unbedingt viel miteinander zu tun haben. Es scheint kein gemeinsames politischen Programm zu geben. Die Antwort auf die entsprechende Nachfrage: „Wir stehen in der Tradition der autonomen Spontis und tun das, was gerade anliegt.“ Dem scheint auch die Verbindung zu anderen autonomen Zentren in der Region zu entsprechen: Es gibt zwar informelle und persönliche Kontakte, aber keine offiziellen Strukturen.
Rhoda Viajar machte durch ihre Intervention deutlich, dass hier Freiräume und Zusammenhänge geschaffen wurden, die eine wichtige und notwendige Voraussetzung für politische Kreativität und Konzeptarbeit sind, gleichzeitig aber deutlich sei, dass diese notwendige Voraussetzung an freiem Raum allein aber nicht ausreiche, um wirklich politisch konzeptionell und gestaltend aktiv zu werden.
Kommentar zum Besuch in Wuppertal von Boniface Mabanza
» Kommentar / Comment / Comentario »
- Im Gegensatz zu Boniface bin ich nicht der Auffassung, dass die Ein-Euro-Jobs mit den Begriffen “Ausbeutung” und “Ausnutzung” ausreichend erfasst werden. Gerade an den Leuten im Brockenhaus, die “eigentlich” nicht wirklich was zu tun hatten und ihre Zeit absaßen, wird doch deutlich, dass es eben nicht um “Aneignung der Arbeitskraft” geht, sondern um Disziplinierung. Die Leute dort sind auch durchaus nicht “unfitter” als andere, in den Arbeitsmarkt integrierte – nur muß man halt irgendwas mit ihnen machen, sie “irgendwie” beschäftigt halten.
Seltsam, ein bißchen was Utopisches hat die Muße + Ruhe im Brockenhaus, ein Paradies für jedeN der/die je die Arbeitshetze in Fabriken ertragen musste. Nur schade, dass sich die Fabrikdisziplin auch dort nicht verabschiedet hat: Dann könnten die Leute etwas sinnvolles oder schönes tun, während sie darauf warten, dass die nächste Möbellieferung kommt. z.B. spazieren gehen, ein gutes Buch lesen, Kaffee trinken mit einer Freundin, oder für die alte Nachbarin einkaufen. Aber bitte: Selbstbestimmt, freiwillig und ohne die Androhung, die Stütze zu kürzen!!
— Judith Welkmann Apr 12, 03:46 PM #