Wohnen in Hassel


geis.jpg Gelsenkirchener Barock - wider Erwarten kein eben typischer Hauseingang in Hassel. 

 
Um 1900, die Industrialisierung Deutschlands hatte sich schmerzhaft Bahn gebrochen, stieg der Bedarf an Stahl enorm an, die Zechen im Ruhrgebiet entstanden und boten Tausenden Menschen Arbeitsplätze – und sie schufen entsprechenden Bedarf an preiswerten Wohnungen. Gemeinsam mit vielen Zechen finanzierten die Bergarbeiter ihre Häuse in großen, zentral geplanten Siedlungen. Auf diese Weise entstanden auch die Häuser im Gelsenkirchener Stadtteil Hassel, um den in den letzten Jahren ein heftiger Streit entbrannt ist.

Angefangen hatte alles im Mai 1996, als die Gärten der Häuser, in denen viele Bewohner nach wie vor ihr Gemüse anpflanzen, bebaut werden sollten – die erwirtschafteten Erträge reichten dem Eigentümer viterra nicht aus. Die Bewohner wehrten sich erfolgreich – allerdings kam es dann noch dicker:
Die Häuser in der Bergbausiedlung Hassel, errichtet von und für Arbeiter der Zeche Hibernia, sollten allesamt verkauft werden. Der ursprüngliche Verwalter der Häuser, der Energiekonzern Eon, hatte bereits zuvor die Nutzungsrechte an das Wohnungsbauunternehmen Viterra verkauft, blieb aber weiterhin Eigentümerin der Häuser. Und nun wollte auch Viterra die Häuser und Grundstücke loswerden, weil die Rendite nicht stimmte. Die Bewohner, die selbst oder deren Eltern auf Teile ihres Lohns verzichtet haben, um den Bau der Häuser mit zu finanzieren, sind aufgebracht: sollen sie Häuser, die ihnen zumindest zum Teil bereits gehören, noch einmal bezahlen müssen, wenn sie nicht ausziehen wollen? Die Wut fand ihr Ventil in einer Bürgerinitiative, die seither gegen den drohenden Verkauf der Siedlung Stellung bezieht. Dabei ist der eigentliche Verkauf der Häuser nur eine Facette, um die es der Initiative geht. Mit teilweise schikanösen Methoden steigen Vermessungstrupps von Viterra durch Vorgärten, inoffizielle, aber seit Jahren genutzte Wege werden kurzerhand unbrauchbar gemacht. Aber zumindest dieses Treiben hat erstmal ein Ende gefunden: Susanne Boymanns von der Bürgerinitiative räumt zwar ein, dass sie nach wie vor gelegentlich angerufen wird, weil Vermesser durch die Rabatten stapfen, aber das passiert sehr viel seltener. sw1.jpg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So soll es sein nach Ansicht der Bürgerinitiative: nach der Sanierung fügen sie die Doppelhaushälften perfekt aneinander.

 

 Einen weiteren Achtungserfolg hat die Initiative beim Erscheinungsbild der Siedlung erzielt. Wo bereits Häuser verkauft wurden, begannen die neuen Besitzer die zum Teil marode gewordenen Gebäude zu sanieren – und dabei verloren sie oft das Ganze aus dem Blick. Um zu verhindern, dass der einmalige Charakter des Viertels verloren geht, um die gemeinsame Geschichte auch architektonisch zum Ausdruck zu bringen, hat die Bürgerinitiative gemeinsam mit der Stadtverwaltung eine Regelung für die Renovierung und den Umbau der Häuser erarbeitet. Nach umfangreicher Bestandsaufnahme der Bebauung regelt das Werk zum Beispiel Traufenhöhen und das Aussehen der Straßenfronten.
Weil aber die Wohnungen dennoch verkauft werden sollen und eine rechtliche Klärung über die aktuellen Eigentumsverhältnisse noch aussteht, hat die Hasseler Initiative schon alternative Pläne in der Schublade: rund zweihundert der jetzigen Bewohner wollen eine Genossenschaft gründen, der die Gebäude künftig gehören sollen. Dabei geht es nicht nur darum, den Bestand zu erwerben, sondern auch wieder in Ordnung zu bringen: viele der Häuser sind dringend sanierungsbedürftig, da aber nicht genügend Geld zurück fließt, wurden Investitionen unterlassen.
Die Finanzierung der Genossenschaft ist zu etwa 70 % gesichert, und aus Rathaus und Öffentlichkeit bekommen die Hasseler jede Menge Unterstützung.

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