Transzendenz zum Konsum: Das Einkaufszentrum „Centro“ in Oberhausen

parkhaus.jpg- von Karsten Peters -

Mit der Stadt drumherum, mit der realen Welt hat das Gelände des „CentrO Oberhausen“ herzlich wenig gemein. Nicht nur, dass das Gebäude des nach Eigenwerbung größten Einkaufszentrums Europas architektonisch irgendwo zwischen Ozeanriese und Petersdom einzuordnen ist, es entzieht sich auch jedem anderen Versuch, es an die reale Welt anzubinden. Dabei bedienen sich Stadt- und „Centro“-Planer nahezu klassischer Methoden. In der Literatur des europäischen Mittelalters war der Gang übers Wasser ebenso wie der Weg in den Wald Symbol dafür, dass der Protagonist die konkrete, diesseitige Welt transzendiert, sich in eine andere Realität begibt – entsprechend muss Parzival durch den tiefen Wald, ehe er Amfortas und die Gralsburg findet – allerdings, ohne es zunächst zu wissen. Im modernen Städtebau sind die Methoden nur geringfügig anders: Bereits unmittelbar nach der Anreise mit der Bahn wird der Centro-Willige zu einem frisch errichteten Straßenbahnsteig geleitet, von dem im Minutentakt der Nahverkehr Verbindungen zu Oberhausens Neuer Mitte anbietet. Kaum bestiegen macht sich die Bahn daran, die Mühen des Alltags, die Wintergräue des Ruhrgebiets hinter sich zu lassen, erhebt sich weit über graue Straßen, Bahnlinien, Wohn- und Gewerbegebiete. Um ihre Fahrgäste in einem völlig entrückten Universum wieder abzusetzen: Mit der Konstruktion aus Glas und Stahl bereitet die Station Neue Mitte ihre BesucherInnen bereits auf kommenden Glanz vor, und auch die Lautsprecher auf den Bahnsteigen bereiten auf die unzähligen Reize vor, die die Shopping Mall für Konsumwillige bereit hält: Monitore, auf denen die Gäste mit Endlosschleifen über die aktuellen Blockbuster im Kino informiert werden, bunt blitzende Auslagen oben, unten, rechts und links – allein, es scheint niemanden zu stören. Wer hier ist, will ein Einkaufszentrum, nimmt eine Anfahrt von bis zu drei Stunden in Kauf, freut sich, dass es trocken ist, alles unter einem Dach und so gepflegt. Dass es erheblich lauter ist als in Innenstädten, fällt nur auf Nachfrage auf, „aber das nehmen wir in Kauf.“ Auf die Frage, ob irgendwas fehle, kommt nach einigem Nachdenken die Antwort, die Toiletten und Gastronomie sei nur an den äußeren Enden des Baus – unter Umständen ein zu weiter Weg.
Dass dieser seltsame neue Stadtteil Oberhausens hochgradig defizitär ist, versucht neben einigen anderen Roman Blaut vom Kirchenzentrum Oberhausen klar zu machen. Mit dieser Iniitiative haben sich katholische und evangelische Kirche kräftig ins Zeug gelegt und dem Einkaufs- ein Kirchenzentrum entgegen- und gegenübergestellt. Am dem „CentrO“ gegenüber liegenden Ufer des für den Spaziergang am Wasser angelegten Kanals steht ein eineinhalbgeschossiger mit Schindeln gedeckter Rundbau, innen mit Cafeteria und Raum der Stille außen mit einem beschwingt schiefen Kreuz markiert. Der Kontrast zum Einkaufszentrum macht deutlicher als alle Worte, dass es nicht mehr die Kirche ist, die sich heutzutage die Prachtbauten leistet.
Ein Umstand, an dem auch Roman Blaut unmittelbar ansetzt. „Was“, fragt er, „was für einen Grund könnte es geben, ein Einkaufszentrum mit den Mitteln einer Kirche zu errichten?“ Quer- und Längsschiff des „CentrOs“ verbinden sich zum Kreuz und an ihrem Schnittpunkt werden die beiden Schiffe von einer himmelstürmenden Glaskuppel überragt. Der religiöse Anstrich war sicher ein Grund für den Bau des Kirchenzentrums. Ein anderer war, dass verhindert werden sollte, dass eine Stadt ohne Kirche entsteht.
img_0014.jpg

Überbordend ist eigentlich zu wenig: der Weihnachtsschmuck im "Centro" sucht seinesgleichen.

Aber damit begnügt sich das Kirchenzentrum nicht. Pastoralreferent Roman Blaut und seine KollegInnen bieten Führungen und Informationsveranstaltungen an. Vor allem Konfirmanden, so erzählt Blaut, würden sehr schnell bemerken, was der „Neuen Mitte“ fehlt. Mit der Frage, was die alte Mitte Oberhausens von der neuen unterscheide, mit dem Auftrag, auf Unterschiede zu achten, bemerken die Jugendlichen auffällig schnell, dass Türken und Kurden, Obdachlose und andere Mitglieder sozialer Minderheiten im Centro nicht zu finden, im alten Oberhausen aber sehr deutlich vertreten sind. Die Armen, die sozial Schwachen, können sich das Centro nicht leisten, erklärt Blaut. Wer hier seine Lifestyle-Produkte einkauft, zeigt sich selbst und anderen, dass er es in die vermögende Mittelschicht geschafft hat und am Konsum teilhaben kann. Ausgrenzung sozial Schwacher ist da nur konsequent, denn schließlich würden die das saubere Bild stören.

» Kommentar / Comment / Comentario »

Name Merken
Email
http://
Nachricht
  <?>