Heute ist nicht alle Tage
Hausbesetzungen in Rio de Jainero
- von Susanne Dzeik -
Zur Abenddämmerung öffnet der Himmel seine Schleusen. Sturzbäche ergießen sich über das Bahnhofsviertel Rio de Janeiros. Rund um die "Central do Brasil" flüchten die Menschen unter die Vordächer der aneinandergedrängten Verkaufstände, Bars und Geschäfte. Eigentlich schieben sich um diese Tageszeit hupende Autos und Busse durch die Straßen. Bieten Transvestiten und Frauen aus den Armenvierteln ihre Dienste zu Sonderpreisen an. Schnorren Süchtige und Krüppel Geld und Essen. Breiten Obdachlose ihre Pappkartons zum Schlafen auf den Gehwegen aus. Ziehen Dosensammler ihre Karren zu den Blechsammelstellen.
Jetzt wirkt das Viertel wie leergefegt. Nur vereinzelt hasten Leute unter Regenschirmen an den schmutzigen, niedrigen Häusern vorbei, die noch Reste vom Gründerprunk des letzten Jahrhunderts vorweisen. Im Hintergrund grenzt der Morro de Providencia, die älteste Favela Rio de Janeiros das Gebiet ab. Ich biege vorher in eine Strasse ein und mache vor einem 13 stöckigen, grauen Klotz halt, der hier in den 70er Jahren mal reingesetzt wurde.
In die Eingangstür wurden kleine Sichtfenster gesägt. Nach meinem Klopfen blicken mir prüfende Augen ins Gesicht und eine schwere Eisenkette wird aufgeschlossen. Eine kleine Menschenansammlung steht vor der "Porteria" und wartet darauf, dass Name und Uhrzeit in ein Heft am Eingangstisch eingetragen wird.
Eine Sicherheitsvorkehrung, die seit Anfang der Besetzung des Hochhauses „Chiquina Gonzaga“* vor neun Monaten von den fast 150 Bewohnern eingehalten wird.
Der Versammlungsraum des Hauses im ersten Stock füllt sich mit Politaktivisten und Familien, die Matratzen und Tüten mit sich tragen. In den nächsten Stunden soll Wohnraum mit über 100 neuen Domizilen geschaffen werden. Jobsen, ein Mitglied der "Frente da Luta Popular"* (FLP), erklärt den Ankömmlingen den Ablauf der geplanten Besetzung dieser Nacht:
"Fünf Bewohnergruppen gehen von verschiedenen Startpunkten aus zu einem Ort los, den nur die Gruppenverantwortlichen kennen. Dort erhalten sie die Informationen über das Zielobjekt. Wenn Leute, die die Tür öffnen, dort keinen Erfolg hatten, tritt Plan B in Kraft. Die sechste Gruppe - die Unterstützer, die nicht ins Haus gehen - macht sich 20 Minuten später auf den Weg."
Die Besetzung "Chiquina Gonzaga" entstand aus dem Austausch Marcelos (FLP), der in der reichen Südzone lebt, mit einigen Straßenhändlern seines Viertels über ihre miserablen Wohnsituationen. Gemeinsam organisierten sie die ersten offenen Treffen auf der Strasse. Eine interne Komission aus Aktivisten mit Erfahrungen in Verhandlungen mit Institutionen, wählte das Haus aus. "Chiquina Gonzaga" wurde mal als Hotel gebaut und Anfang der 80er Jahre wegen Unrentabilität von der Militärdiktatur in staatlichen Besitz übergeführt. Das Agrarminesterium INKRA zog für kurze Zeit in das Gebäude. Danach stand es fast 20 Jahre leer. In diesem Zeitraum scheiterten mindestens drei Besetzungen. Einem erneuten Versuch wurde allerdings aufgrund der veränderten politischen Lage mehr Chancen eingeräumt, da sowohl das Agrarministerium, als auch das Ministerium für urbane Angelegenheiten inzwischen linken PT Mitgliedern (Partido dos Trabalhadores) unterstehen.
Am 23. Juli 2004 verbarrikardierten sich um Mitternacht ca. 40 Leute in dem Hochhaus. Als nach ca. zwei Stunden Militärpolizeiautos vorfuhren, wollten die Polizisten sich unter Androhung von Waffengewalt Einlass erzwingen. Die Besetzer reagierten darauf nicht. Schließlich verschafften sich die Ordnungswächter über einen Hintereingang Zutritt. Nach langen verbalen Auseinandersetzungen und Verhandlungen mündete der Konflikt schließlich im Rückzug der Polizei. Dazu trug die Tatsache bei, dass sich das Haus im Besitz der Bundesregierung befindet, die Militärpolizei jedoch der Provinzregierung untersteht. In vielen anderen Fällen enden Besetzungen sonst mit Toten. "Alle wissen das. Aber die Tatsache, dass in Brasilien Menschen für sehr viel weniger sterben können, veranlasst die Leute, sich mit ihrer Angst zu konfrontieren," meint Gabriel (FLP), Jurastudent ohne Einkommen, der mit den ersten Besetzern in das Haus einzog.
Ein selbstorganisierter Tropfen auf dem heißen Stein, denn das Wohnungsdefizit in Brasilien belief sich bereits im Jahr 2000 auf 7,2 Millionen. Von den betroffenen Familien verfügen 88,2 % über ein Einkommen, das unterhalb des fünffachen Mindestlohns* liegt, also ca. 350 Euro im Monat. Auf der anderen Seite stieg die Anzahl der leerstehenden Immobilien im Zeitraum von 1991 bis 2000 um 55% auf 4,6 Millionen. In den Metropolen des Südostens Brasiliens, dazu zählt auch Rio de Janeiro, übersteigt der Leerstand sogar die Anzahl der benötigten Wohnsitze.
Auf der anderen Seite vertritt die öffentliche Politik quer durch alle Parteien eine Zero Tolerance Linie. Ein Ausspruch des konservativen Bürgermeisters von Rio de Janeiro erlangte einige Berühmtheit:
Er meinte, dass alle Obdachlosen mit scharfem Reinigungsmittel überschüttet werden sollten.
Seine konservative Stadtregierung setzt Polizeieinheiten auf Obdachlosen, Bettler und illegale Strassenhändler an, um sie aus dem Zentrum und der Südzone der Stadt zu vertreiben.
In Rio de Janeiro Stadt leben mehr als 30 % der Bevölkerung, ca. 1,5 Mill. Menschen, in prekären Verhältnissen: auf der Strasse, in Favelas, in Risikozonen, auf besetzten Gebieten, in leerstehenden Häusern und verlassenen Fabriken. Aufgrund der extremen sozialen Ausgrenzung können die armen Bevölkerungsgruppen kaum mit staatlicher Unterstützung rechnen. So bleibt vielen nur die Selbsthilfe. Aber nur selten erfolgt sie so kollektiv und basisdemokratisch, wie bei der Besetzung des Hochhauses. In den Anfangswochen fanden die Vollversammlungen 2 mal täglich statt. "Chiquina Gonzaga" füllte sich in rasantem Tempo mit armen Familien und Einzelpersonen.
Dazu zählt auch Sonja, alleinstehend mit 2 Kindern, aus der Favela Borel. Sie musste ausziehen, weil ihr Haus anfing auseinanderzubrechen, und sie über keine Mittel verfügte, es zu reparieren. Sonja kritisiert, dass sich die Leute im "Chiquina Gonzaga" zu wenig an kollektiven Arbeiten beteiligen. "In der Favela war das anders. Da halten die Leute mehr zusammen. Einer guckt nach dem anderen. Hier ist das irgendwie individualistischer." "Das war nicht immer so", erinnert sich Lukas, ein Argentinier, der seit 2 Jahren illegal in Brasilien lebt. "Am Anfang waren alle hier und haben zusammengearbeitet."
Jeder Bewohner musste mindestens 20 Stunden Gemeinschaftsarbeit leisten. Für alle Arbeitsbereiche wurden Komissionen gebildet: für die Aufräumarbeiten, die Instandsetzung der Elektrik und der Hydraulik, die Wache an der Eingangstür und die kollektive Küche. "Das hat später aufgehört, weil alle müssen wieder ihre Arbeit machen und Geld verdienen, weil hier alle arm sind."
Für Lukas fehlen in dem Haus Projekte, um sich nachhaltig ökonomisch unabhängig zu machen. "Die Leute hier haben viele handwerkliche Fähigkeiten, aber es fehlt noch das Bewusstsein. Es ist ein langsamer Prozess." Er verdient sein Geld mit selbstgemachtem Schmuck. Die meisten Bewohner sind Straßenhändler oder gehen putzen. Auch Sonja arbeitete lange als Reinigungskraft. Als ich sie nach ihrem früheren Stundenlohn frage, schüttelt sie grinsend den Kopf. "Hier ist das so. Du gehst 8 bis 10 Stunden arbeiten und bekommst am Ende des Tages 10 Real (ca. 3 €)." Inzwischen hat sie einen Minijob, der ihr für täglich 4 Stunden Arbeit am Ende des Monats 100 Real (ca. 30 €) beschert. Von der Regierung bekommt sie zusätzlich einen Essensgutschein über 100 Real. Das reicht nicht zum überleben. Gemeinsam mit einigen anderen Mitbewohnern versucht sie ihr Einkommen mit Handarbeiten aufzubessern. Moisa und Urbano aus dem 12. Stock haben alle notwendigen Maschinen, um bedruckte T - Shirts herzustellen. Sie träumen von einer größeren Kooperative, in der sie sich mit ihren Mitbewohnern von 4 Stunden Arbeit täglich bequem ernähren können.
Trotz aller interner Probleme und Schwächen hat sich das besetzte Hochhaus im Zentrum mittlerweile zu einem wichtigen politischen und sozialen Knotenpunkt und Experimentierfeld entwickelt. Studenten bieten Weiterbildungskurse an, die Jugendlichen des Hauses gründeten ein Theaterprojekt und das Kinderkollektiv konnte die Wahlberechtigung ab 10 Jahren durchsetzen. Die Durchmischung der unterschiedlichen Lebenswelten, mittendrin die oft aus der Mittelschicht stammenden antikapitalistischen Politaktivisten, machen das Projekt einzigartig in Rio de Janeiro. Hohe Sicherheitszäune und tiefe soziale Gräben trennen sonst die Lebenswelten der verschiedenen Klassen. Nur wenige Organisationen versuchen die Grenzen ernsthaft zu durchbrechen.
So verbreitete sich die Nachricht von "Chiquina Gonzaga" wie ein Lauffeuer unter den Armen und Obdachlosen. Auf der Suche nach Wohnraum klopften unzählige Einzelpersonen und Familien in den vergangenen Monaten an die Tür des Hochhauses. Von ihnen ließen sich 200 für eine Neubesetzung auf die Liste setzen und bereiteten sich in wöchentlichen Treffen auf die Ereignisse vor. Damit gaben sie ihr Einverständnis zur kollektiven und nichthierarchischen Aneignung und Selbstorganisierung des zukünftigen Wohnraumes.
In der Nacht vom 24. März 2005 brechen die Gruppen im anhaltenden Regen zur nächsten Besetzung auf. Nach langem Fussmarsch erreichen sie den ersten Treffpunkt und erfahren, dass Plan A nicht funktionierte und nun Plan B in Kraft treten würde. Der Platz vorm grossen Theater im Zentrum wird nun angestrebt. Dort versträuen sich über 100 Menschen über den Platz und warten geduldig auf weitere Neuigkeiten. Nach kurzer Zeit beobachten Militärpolizisten die Grüppchen. Der Regen hat inzwischen aufgehört. Aus der Yuppidisko nebenan dröhnen 80er Jahre Diskohits. Das Polizeiauto zieht sich nach einer halben Stunde zurück. Plötzlich soll eine gemeinsame Versammlung in Lapa, dem naheliegenden alternativen Amüsierviertel, einberufen werden.
Im Rondel, vor den hellerleuchteten Brückenbögen Lapas, erklärt Mauricio (FLP) den Beteiligten den Sachverhalt. Die Gruppe, die die Tür des ersten Objektes öffnen sollte, wurde von einem privaten Sicherheitsdienst überrascht. In dem zweiten Gebäude wurden sie dann bereits von Sicherheitsdiensten und Polizei erwartet. Nun wird zur Diskussion gestellt, ob sich die Gruppe an einem dritten Objekt versuchen solle. Nach kurzer Debatte stimmt die Versammlung dafür, die Besetzung zu verschieben. Allen wurde klar, dass die Staatsapparate inzwischen hellhörig geworden sind. Sie können nicht mehr mit dem gleichen Überraschungsmoment, wie bei der Besetzung "Chiquina Gonzagas, rechnen.
Aber...heute ist nicht alle Tage...
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*Chiquina Gonzaga war eine Pianistin und Komponistin, die zwischen 1847 und 1935 lebte. In ihren avantgardistischen Musikexperimenten griff sie vor allem die verschiedenen Volksmusikrichtungen der brasilianischen Bevölkerung auf. Sie gilt als Urmutter aller Karnevalsumzüge und komponierte den ersten Karnevalshit “Abre alas, que eu quero passar“ (Mach den Weg frei, ich will hier durch.). Die Musikerin engagierte sich aber auch politisch: gegen die Sklaverei, für die Einführung der Republik und für die freie Liebe.
*Die FLP gründete sich 2001 als Dachverband verschiedener politischer Bewegungen und Initiativen, wie der Landlosen - Bewegung MST, Favelaorganisationen, Studenteninitiativen etc. Aufgrund zahlreicher Probleme und Konflikte kristallisierte sich inzwischen allerdings eine Gruppe von 10 bis 20 revolutionären Linken heraus, die sich maßgeblich auf 2 Politikfeldern engagiert:
Dem "Netzwerk der Kommunen und Bewegungen gegen (Polizei-)Gewalt" und der Obdachlosenbewegung im "Chiquina Gonzaga".
* Brasilien gehört zu den Ländern mit der extremsten Einkommensverteilung weltweit. Während 10% der Reichsten 48,1% des Nationaleinkommens für sich beanspruchen, müssen sich 10% der Ärmsten mit 0,8% des nationalen Einkommens begnügen. Der fünffache Mindestlohn gilt als Existenzminimum für eine Familie. Der einfache Mindestlohn betrug im Jahr 2000 240 Real (ca. 70 €). Am 1.5.2005 wurde er von der Regierung unter Lula auf 300 Real angehoben.
Nachtrag: Am 26. April besetzten über 100 Personen ein seit über 20 Jahren leerstehendes Krankenhaus im Zentrum der Stadt. Das sieben stöckige Gebäude bietet Platz für ca. 150 Einzelpersonen und Familien und wurde auf den Namen „Zumbi dos Palmares“ getauft. Letzterer war einer der bekanntesten Sklavenführer, der das größte Quilombo (autonome Gemeinde) in Pernambuco zwischen 1604 und 1694 koordinierte.
Nach anfänglicher Belagerung des Krankenhauses durch die Militärpolizei und einem Gerichtsurteil, das auf Räumung drängte, schwenkte die Regierung nach 1 ½ Wochen auf Verhandlungen mit den Besetzern um.
Dieser Text erschien zuerst in der arranca!
» Kommentar / Comment / Comentario »
- Ein Superartikel
Echt spannend, und erinnert mich an die 70er Jahre in Köln.
Wir von der SSM freuen uns auf Euern Besuch.
Rainer
— Rainer Kippe Aug 31, 09:53 PM #