Eindrücke vom Besuch in Wuppertal
- von Rhoda Viajar -
Ich weiß, dass ich schnell emotional berührt bin und in unerwarteten Momenten zu weinen beginne. Dennoch war ich sehr überrascht von meiner eigenen Reaktion auf das, was ich in Wuppertal sah und lernte. Während des Mittagessens in der Wuppertaler Tafel fragte Niklas mich nach meinen Eindrücken von Armut im Westen (in diesem Fall, in Wuppertal). Mein sofortiger Gedanke war: Armut hat viele Formen. Dann begannen meine Tränen nur so zu fließen – so unkontrollierbar, dass es mir etwas peinlich war.
Alles war einfach nur ironisch. Ein Blick in den Raum, und man sieht riesige Laibe aller Arten von Brot, große Platten voll mit Gerichten, mindestens drei verschiedene Sorten von Speisen (in meinem Fall waren es fünf), nur für eine Person. Fülle, so schien es. Für mich sah es aus wie Speisen, die es nur in sehr teuren Restaurants in Manila gibt. Aber in solche Restaurants könnte ich nur gehen, wenn ich Geld sparte und meine Ausgaben reduzierte, indem ich eins der folgenden Dinge täte: 1) Die monatliche Zuwendung an meine Mutter reduzieren, 2) Die Zahlung meiner Handy- oder Stromrechnungen hinausschieben, 3) ganz aufhören zu rauchen, 4) Einladungen ablehnen, in Bars zu gehen und gute Musik zu hören, zu singen, zu tanzen und die Gesellschaft von Freunden zu genießen, oder 5) eine Woche lang nicht nahrhafte Instant-Nudeln essen. Und ich bin nicht einmal, was man in meinem Land als “arm” bezeichnen würde.
Das ist also die Ironie. Die Qualität und Quantität der Speisen in der Wuppertaler Tafel für die Armen und Verletzlichen in Wuppertal ist vergleichbar mit den Speisen, die die Mittelklasse und Geschäftsleute in schönen Restaurants in Manila essen.
In der Wuppertaler Kantine ist das vorzügliche Essen kostenlos. In Manilas feinen Restaurants muss man dafür hohe Preise zahlen. Ja, ich weiß, die Situation ist nicht parallel und sollte daher auch nicht verglichen werden. Die Gerichte, die es in der Wuppertaler Tafel gibt, sind Spenden. Deswegen sind sie kostenlos. Dennoch bleibt die Ironie. Die Qualität der “Reste” ist dieselbe Qualität die man bekommt, wenn man in Manila “fein essen geht”.
Aber genauso wie die Verletzlichen in Wuppertal, profitieren wir auf den Philippinen von den Spenden derer, die im Westen gute Taten vollbringen. Zum Beispiel bekommen viele Filipinos, die UnternehmerInnen sind, Güter aus Spendensammlungen, die sie verkaufen, um ihre mageren Einkünfte aufzubessern. Diese Güter, z.B. aus Kleiderspenden, werden kostenlos abgegeben und werden trotzdem verkauft. Viele wie ich kaufen diese Kleidung, weil sie haltbar und aus gutem Material ist. Sie ist auch viel billiger als die farbenfrohen, wunderschönen Kleider, die ich auf den Straßenständen bekomme, die Waren aus Thailand, Vietnam, Indonesien und all den Ländern verkaufen, in denen Arbeit billig ist.
In der Tat, die Ironien sind erstaunlich und sie sind eng verknüpft mit dem Eindruck eines globalisierten neoliberalen Systems. In diesem alles durchdringenden und alles beherrschenden System, welche Wahl habe ich da?
Und ich spreche nur für mich selbst.
Was ist mit den Armen, vor allem denen, die nicht genug zu essen haben? In wieweit kann der Ansatz der sozialen Wohlfahrt ihre Bedürfnisse stillen?
Das bringt mich zu einer anderen Beobachtung. Die Wuppertaler Tafel scheint ein effizienter Weg zu sein, Müllsammeln und Betteln zu organisieren. Dieses System macht es einfacher für die Verletzlichen, Essen zu bekommen. Sie brauchen nicht in Restaurants zu warten und Imbisse zu belästigen, um an die Reste zu kommen. Sie brauchen nicht Mülleimer umzukippen, um nach Essbarem zu suchen. Sie haben schon einen Ort, wo sie hingehen können, einen Tisch, wo sie hingehen und ihren Hunger stillen können. Wie auch immer, der Rest der Gesellschaft kann weiter sein “normales” Leben führen – ungestört. Man kann sagen, dass dieses System des Armuts-Management ziemlich erfolgreich darin ist, die Unannehmlichkeiten der Armut zu beseitigen.
Was ist Armut?
Es geht nicht nur einfach um Quantität und Qualität von Essen und anderen materiellen Bedürfnissen. Es geht auch um Arbeit. Ich denke, die Abwesenheit von Armut bedeutet auch die Präsenz von würdevoller Arbeit. Und die Abwesenheit von würdevoller Arbeit bedeutet die Präsenz von Armut. Dies ist eine wichtige Frage im Zusammenhang mit den 1-Euro-Jobs und dem Wohlfahrts-Sytsem, das vielleicht irgendwie zur Entfremdung der Menschen von ihrer Arbeit beigetragen hat.
Die 1-Euro-Jobberin im Möbelladen sagte, dass sie glücklich sei, eine Gelegenheit zum Arbeiten gefunden zu haben, nachdem sie viele Jahre lang arbeitslos war. Sie drückte auch ihre Hoffnung darauf aus, dass sie lernen und ihre Fähigkeiten verbessern könnte, um einen besseren Job zu bekommen. Die Gefühle der Frau bestärken irgendwie die Eindrücke, die ich von Diskussionen und Erzählungen anderer bekam. Und zwar die, dass viele verletzliche Leute sich selbst für ihre eigene Armut die Schuld geben. Wenn ich auch glaube, dass Einzelpersonen ihre spezifischen Lebenssituationen bestimmen, so spielen doch Strukturen und Systeme eine große Rolle darin, über das (Miss-)Geschick der Menschen zu entscheiden. Besonders wichtig ist es, der Arbeit wieder Bedeutung zu geben, sodass Menschen ihre Menschlichkeit, Kreativität und Würde in dem finden, was sie tun. Diskussionen und Kampagnen zu staatlicher Arbeitspolitik müssen mehr als den Geldwert und die Interessen an Arbeitsprozessen, nämlich diese fundamentale Frage angehen. So würden die Ein-Euro-Jobber, die vielleicht eine Art Befriedigung in ihren gegenwärtigen Jobs finden, weder in eine defensive Situation gedrängt, noch würden ihre Schuldgefühle verstärkt. Auch könnte dies vielleicht die geistige Armut bekämpfen helfen, die ich wohl in der Gesellschaft der Besucher der Wuppertaler Tafel gespürt habe. Spezifischer, es ist Armut in der Form, dass die Gemeinschaft fehlt.
Das Krisenzentrum bestätigt irgendwie diesen Eindruck eines schwachen Gemeinsinns. Der Sozialarbeiterin nach wollen manche der Menschen, die in das Zentrum kommen, einfach nur über sich selbst und ihre Belange reden. Es scheint mir, dass das Krisenzentrum auch ein Ort für Einzelpersonen geworden ist, um ihre Sorgen äußern zu können und eine Ahnung von Gemeinschaft zu finden.
Ich empfinde vor allem, dass Armut tatsächlich viele Gesichter hat. Diese Unangemessenheit oder das “Fehlen” ist nicht der alleinige Boden des Staates. Es bringt auch eine kollektive kulturelle Anwort mit sich.