„Ein Zentrum im Zentrum“

Die Bochumer Referenten berichteten über das Soziale Zentrum in ihrer Stadt

„Wem gehört die Stadt (Wieder)Aneignung und soziale Kämpfe“ war der Titel der Fachtagung im September 2005 – und in diesem Rahmen fand auch ein reger Austausch statt über die Frage der Selbstorganisation und sozialer Kämpfe um und in aktuellen Lebensräumen in Caracas und Bochum. Das Seminar mit diesem Schwerpunkt versuchte Parallelen zu entdecken zwischen den Initiativen hier und in der Hauptstadt Venezuelas. Mit der deutschen Perspektive befasst sich dieser Artikel.

Den Traum von einem sozialen Zentrum in Bochum, direkt im Herzen der Stadt, gab es schon lange. Realisierbar schien er aber erst Anfang des Jahres 2005. Zu Zeiten des „Aufbruchs“ der neuen globalisierungskritischen Linken Ende der Neunziger Jahre waren viele AktivistInnen noch euphorisch und die großen Gipfelevents, Weltsozialforen und europäische Sozialforen waren auch in den Mainstreammedien präsent. Nach diesem fulminanten Auftakt flaute das Interesse aber bald wieder ab, und viele AktivistInnen waren desillusioniert. Es wurde deutlich, dass eine andere Welt nur möglich ist, wenn auch lokal gearbeitet wird.

So entstand die Idee, ein soziales Forum an zentralem Ort zu verwirklichen. Zwar hat Bochum schon lange ein gut funktionierendes, soziokulturelles Zentrum, den Bahnhof Langendreer, dieser liegt aber sehr weit außerhalb und ist insbesondere Anlaufpunkt für junge Menschen aus der Subkultur. Diskussionen, wie sie den AktivistInnen der Sozialforumsbewegung wichtig waren, beispielsweise zur Frage, wie eine wirkungsvolle soziale Bewegung etabliert werden kann, die von einem breiten linken Spektrum gemeinsam getragen wird, wurden dort nur noch sehr selten geführt.
Als die rot-grüne Bundesregierung dann Sozialleistungen umstrukturierte und Arbeitslosengeld und Sozialhilfe zusammenlegte, gemeinhin bezeichnet als „Hartz-IV“-Reform, erlebte Bochum viele Arbeits(losen)kämpfe, die aber in der breiten Bevölkerung kaum Resonanz fanden und so politisch keinen großen Druck aufbauen konnten. Gerade deshalb wurde das „Zentrum im Zentrum“ zu einem großen Anliegen.
Voraussetzung war aber nicht nur, eine konkrete Örtlichkeit im Blick zu haben und die Finanzierung zu schultern, sondern auch die unterschiedlichen Gruppen des linken Spektrums zusammenzubringen und ein gemeinsames Konzept zu entwickeln, in dem sie sich wiederfinden konnten. Dieser Schritt ist in der Sozialforumsbewegung meist eine große Hürde. So lässt sich das soziale Zentrum in Bochum auch als Versuch verstehen, einen Akkumulationspunkt politischer, emanzipativer Gruppen verschiedenster Couleur aufzubauen.

Der Anfang ist nun gemacht: Seit März 2005 gibt es einen zentralen Ort, der nicht nur den verschiedenen linken Gruppen für politischen Treffen dient, sondern gleichzeitig die Vernetzung untereinander vertieft. Des weiteren gibt es dort eine unabhängige Sozialberatung, politische und kulturelle Veranstaltungen, politische Bildungsveranstaltungen und ein breites Bücher- und Zeitschriftenangebot.
Das besondere an dem Zentrum ist, dass Altlinke und Junglinke das Zentrum unterstützen, ein fruchtbarer Austausch stattfindet und Menschen außerhalb des linken Szenespektrums Beratungen etc. aufsuchen. Vereint sind die AktivistInnen in dem Bestreben, interne Konflikte auszutragen und konstruktiv zu gestalten. Dies kostet einerseits viel Kraft, trägt dem großen Anliegen, ein Forum für alle zu sein, jedoch Rechnung. Beschlossene Sache ist es auch, kein Geld von Stadt und Land anzunehmen, um nicht erpressbar zu werden. So wollen sie die besondere, offene Struktur erhalten und Hierarchien vorbeugen.
Damit jedoch stehen die AktivistInnen vor dem Problem, sich selbst kaum angemessen bezahlen zu können, viel ehrenamtliche Arbeit leisten zu müssen und damit auch die politische Arbeit nur langsam vorantreiben zu können. Diese ganzen politischen Auseinandersetzungen und Diskussionen befinden sich im Prozess, vieles muss noch ausgearbeitet und -probiert werden.

In der Diskussion zu den Vorträgen zu Venezuela und dem sozialen Zentrum in Bochum ergaben sich einige spannende Fragen, die nicht abschließend behandelt wurden.
Zunächst ging es grundsätzlich um das Verhältnis der Linken zum Staat: Kann oder muss man sich abgrenzen oder sollte die Linke eigentlich viel mehr den Staat und seine (finanzielle) Unterstützung instrumentalisieren, als sich instrumentalisieren zu lassen? Wo ist die Grenze für strategische Bündnisse, um z.B. Gelder zu beantragen oder an Verhandlungspositionen zu kommen?
Wichtig ist außerdem noch immer die Frage, die die AktivistInnen im Zentrum zusammenbrachte: Wie können in Europa Vorstellbarkeiten von einer anderen Welt vermittelt werden? Welche Erfahrungen aus Venezuela lassen sich in den europäischen Kontext übertragen? Gibt es Ziele, die die Bewegung als Ganzes mitttragen und gemeinsam verfolgen kann? Und wie kann ein solcher „Diskurs der Vorstellbarkeit“ vermittelt werden?
In Venezuela ist dies sicherlich einfacher, weil es mit der Regierung Hugo Chávez eine konkrete Hoffnung gibt; in Europa fehlt sie. Wie lässt sich dennoch die Perspektive der Abwehrkämpfe neoliberaler Politik in eine Perspektive der Hoffnung umwandeln?


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