Debatte: Zur Wiederbelebung des öffentlichen Raums

- Von Johann Jäckel und Karsten Peters -

Ist der öffentliche Raum wirklich für alle da? Bei einer Veranstaltung zur Nutzung öffentlicher Räume in Münster wies der Soziologe Klaus Ronneberger auf Brüche in der angeblichen Freiheit des öffentlichen Raums hin. Und auf den Anspruch der Mehrheit, die Nutzung des öffentlichen Raums mit Hilfe ordnungspolitischer und städtebaulicher Methoden von der Minderheit zurück zu erobern.
Die hier angestoßene Debatte stellt nicht die Meinung der Redaktion dar, sie will lediglich einige strittige Punkte aufgreifen.

Die «Wiedereroberung des öffentlichen Raums» wird im Allgemeinen mit linker Politik assoziiert. Theoretisch wie auch praktisch geht es dabei zumeist darum, den inklusiven Charakter bestimmter Räume wieder herzustellen; also kommerzielle Eintrittsbeschränkungen aufzuheben und die allgemeine sowie freie Zugänglichkeit dieser Orte zu sichern.

Klaus Ronneberger verweist darauf, dass im Zuge der urbanen Transformation der Postmoderne das Konzept der «Wiedereroberung des öffentlichen Raums» auf den Kopf gestellt wird. An der Expansion der Mall-Kultur lassen sich Exklusionsmechanismen exemplarisch aufzeigen. Als Einkaufs- und Erlebniszentren verbinden Malls Konsum- mit Freizeitaktivitäten. Um den möglichst ungestörten Ablauf von Einkauf und Freizeit zu gewährleisten, sind Shopping Malls als privilegierten Orte konzipiert, welche für Marginalisierte und bestimmte soziale Gruppe verschlossen bleiben. Vergleichbare Tendenzen lassen sich auch in Innenstadtzentren beobachten. Dort wird die Präsenz Marginalisierter von den Eliten als Kontrollverlust über die Stadt wahrgenommen. Um diesem entgegen zu wirken, werden daher Konzepte formuliert welche eben auch die vermeintliche «Wiedereroberung des öffentlichen Raums» zum Ziel haben. In Wirklichkeit verbergen sich dahinter sich jedoch Ausschlussmechanismen, die denen einer Mall nicht unähnlich sind. Diese beinhalten Überwachungs- und Sicherheitstechniken sowie die Notwendigkeit als zahlungsfähiger Konsument aufzutreten. Auch wenn die Zutrittsbeschränkungen zu öffentlichen Räumen des Konsums von Fall zu Fall unterschiedlich sein mögen, dienen sie letztlich der Durchsetzung bestimmter Normalitätsstandards der Mehrheitsgesellschaft. In der Konsequenz bedeutet dies die Ausgrenzung von Unerwünschten durch eine repressive Verdrängungspraxis.(space lab 1998)

Was ergibt sich aus hieraus nun für eine linke Politik der öffentlichen Orte? Auseinandersetzungen um die «Wiedereroberung des öffentlichen Raums» müssen notwendigerweise stets im Kontext der gegenwärtigen Machtverhältnisse verortet werden. Es ist zu fragen: Wer spricht? Und, wer spricht für wen? Oder genauer: Wer will welchen öffentlichen Raum, von wem und für welche Zwecke wiedererobern?

 Freiheit vom Anderen

Vorzugsweise in der politischen Linken wird das Schlagwort von der Rückgewinnung des Öffentlichen Raums in dem Sinne genutzt, dass marginalisierten und sozial schwachen Gruppen – MigrantInnen, Obdachlose, Arbeitslose – die Nutzung des öffentlichen Raums nicht verwehrt werden darf. In seinem Artikel „Die Mall Stadt“ weist aber Klaus Ronneberger auf ein ganz anderes Verständnis der Rückgewinnung öffentlichen Raums hin – nämlich durch das eher bürgerliche Lager.
„Die Ausgrenzung von Obdachlosen oder Punkern begründen die Verantwortlichen damit, dass es um die Wiedereroberung des öffentlichen Raums und um die Durchsetzung von Normalitätsstandards gehe“, schreibt Ronneberger. In diesem Verständnis soll der öffentliche Raum zurück erobert werden von einer Gruppe, die – so die vorherrschende Meinung – zentrale öffentliche Räume ausschließend nutzt und sie in anderer Weise nutzt, als dies die gesellschaft vorherrschenden Gruppen tun. Die gesellschaftliche Mehrheit werde also von der Minderheit in ihrem Tun eingeschränkt, der öffentliche Raum vor allem von gesellschaftlichen Minderheiten genutzt. Mit diesem stark aufgeladenen moralischen Argument – Diktatur der Minderheit – wird nun in vielen gesellschaftlichen Bereichen darauf hingewirkt, dass diese Minderheit aus den zentralen öffentlichen Räumen verschwindet. Als abweichend definiertes Verhalten - „Herumlungern“, Trinken, Betteln – werden geächtet und als Gründe für einen Platzverweis angeführt, der Raum auf diesem Wege zurück erobert.
Nun weist Ronneberger in seinem Artikel weiter darauf hin, dass öffentlicher Raum nie für jedeN öffentlich war, in der griechischen Polis nicht, das römische Forum nicht und auch die Freiräume der 68er nicht. Allerdings spiele der öffentliche Raum für jene, die ihn jetzt mit ordnungspolitischen Mitteln zurück erobern eine erheblich geringere Rolle als für diejenigen, die diese Gruppen verdrängen. Im Interview mit der Redaktion dieses Internetportals erklärt der Soziologe, für die Mehrheit sei der öffentliche Raum in erster Linie „Transitraum“, er werde genutzt, um von einem privaten Raum in einen anderen privaten Raum zu gelangen, nur selten halte man sich länger darin auf. Die Angehörigen der marginalisierten Gruppen dagegen leben und arbeiten in diesem Raum, Obdachlose, Bettler nutzten den öffentlichen Raum, weil ihnen kein privater Raum zur Verfügung stehe.
Vor diesem Hintergrund ergeben sich Fragen, die zu beantworten wohl eine Menge Arbeit erfordert: müssen sich die konkurrierenden Konzepte der Nutzung öffentlichen Raums gegenseitig ausschließen? Falls ja, welche Gruppen werden wie berücksichtigt, welche Interessen sich wichtiger – die der Mehrheit oder die der Minderheit? Wie könnte ein Ausgleich zwischen diesen widerstrebenden Interessen stattfinden? Ist ein solcher Ausgleich überhaupt wünschenswert?

 

Literatur:

spaceLab (1998): Alles unter Kontrolle? Politische Aktion gegen die neoliberale revanchistische Stadt. (Stephan Lanz, Klaus Ronneberger, Dominik Veith, Walther Jahn), in: Umkämpfte Räume, hrg. StadtRat, Hamburg 1998

Klaus Ronneberger: Die Mall-Stadt (pdf-Download) 

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