Mehr als Karitas?

- Kommentar zum Besuch in Wuppertal von Boniface Mabanza -

Die Wuppertaler Tafel zeigt, dass zunehmend mehr Menschen auf karitative Hilfe angewiesen sind. Im Brockenhaus wird die Ambivalenz der Ein- Euro- Jobs zwischen Wiedereingliederung in die Gesellschaft Ausbeutung deutlich. Welche politischen Konsequenzen sind hieraus zu ziehen?

Café Berlin - Karitas und dann?
Die Kombination von Sozialer Beratung und Erholungsort mit seinen Freizeitangeboten scheint mir ein gutes Modell zu sein, das ermöglicht, viel mehr und unterschiedliche Leute zu erreichen, als man mit einer “normalen Beratungsstelle hätte erreichen können. Durch einen unbürokratischen Umgang mit den Leuten werden auch die Kontakte erleichtert. Dies ist daran zu erkennen, dass die Einrichtung viele Probleme der Gesellschaft widerspiegelt: Drogen, Einsamkeit, Arbeitslosogkeit, alle möglichen Depressionen und eine grosse Palette von Diensten bietet: Essen, Trinken, Telefon, Begleitung zu den Behörden und zu den Ärtzten.

Café Berlin, Brockenhaus und Ein- Euro- Jobs - politische Konsequenzen?
Das Gespräch an dieser Stelle aber auch später im Brockenhaus macht die Ambivalenz des “1-Euro-Jobs” deutlich. Aus der Beobachterperspektive betrachtet ist dieser Job nichts anderes als Aubeutung und Ausnutzung. Er ist es auch, wenn man davon ausgeht, dass sich die Menschen in der Gesellschaft nach dem definieren, was sie leisten. Wer nicht arbeitet, spürt den Druck, als nichts wahrgenommen zu werden, der keine andere Wahl zulässt, als sich in irgendein Arbeitsverhältnis einzubringen. Wo dieser Druck ausgenutzt wird, um Arbeitskräfte ohne entsprechenden Lohnausgleich in Anspruch zu nehmen, dient der “Ein-Euro-Job” den Interessen derer, die grosse Profite mit geringen Produktionskosten machen wollen. Dies gefährdet Arbeitsplätze. Wenn die Politik dieses Fenster im Gesetz nicht zuschließt und undifferenziert den Leuten aufzwingt, jeden Job anzunehmen, leistet sie dieser Ausnutzung Vorschub. Wenn man in Betracht zieht, dass die langzeitarbeitslosen Menschen selbst das Bedürfnis haben, endlich etwas zu tun, einen Beruf zu üben und dadurch sich selbst zu verwirklichen, scheint der “Ein-Euro-Job” einer der Wege zu sein (neben der ehrenamtlichen Arbeit), dieses Bedürfnis umzusetzen. Bei den langzeitarbeitlosen Menschen, die eine schwierige Vergangenheit hinter sich haben (Alkohol, Drogen...), scheint dieser Job eine pädagogische Dimension zu haben. Er wird als erster Schritt zur Integration in die Arbeit und ins normale Leben begriffen. Er ist ein Lernprozess, der in dieser Einrichtung zusammen mit den Betroffenen entwickelt wird. Er zielt darauf ab, die Betroffenen selbstständig zu machen(Hilfe zur Selbsthilfe).
Die Arbeit läuft auf meiner Sicht auf der Ebene der Karitas. Die Betroffenen werden individuell betreut. Die politischen und sozialen Zusammenhänge, die zu ihren jeweiligen Situationen führen, spielen kaum eine Rolle. Dem entsprechend wird nach einem Ausweg auf individueller Ebene gesucht. Dies ist wichtig, aber darüber hinaus geht es hier um ein soziales und politisches Problem, das einer politischen Lösung bedarf. Diese kann ohne Druck nicht geschehen.

Die Wuppertaler Tafel und das Autonome Zentrum - Den Reichtum umverteilen!
Die Tafel von Wuppertal ist ein Spiegel der sozialen Entwicklung in der Stadt Wuppertal. Sie zeigt die steigende Tendenz der Armut - von 50 bis 500 Personen innerhalb von 10 Jahren - dass diese Armut immer mehr Schichten erreicht und sie zeigt, wie prekär die soziale Sicherheit geworden ist. Abgesehen davon, dass ein Miteinander an diesem Ort vielleicht nicht existiert, müssen die Menschen dort jeden Tag mit dem Gefühl auskommen, nur das zu bekommen, was bei den Wohlhabenden über ist. Tragisch ist dieses Gefühl, wenn Kinder damit aufwachsen müssen. Dass die Tafel so viele Menschen mehr oder weniger gut versorgen kann, zeigt dass das grundsätzliche Problem nicht die Armut ist, sondern die Umverteilung des Reichtums. Dazu muss die Politik ihren Beitrag leisten. Es kann ihr nicht egal sein, die Schere auseinandergehen zu lassen. Wege müssen gefunden werden, dieser Entwicklung ein Ende zu setzen. Deswegen ist es notwendig, ein Bewußtsein darüber zu schaffen, wer das nächste Opfer sein wird.

Die Initiative des Autonomen Zentrums, Essen aus der Tafel an von Cafés und Restaurants umgebenen öffentlichen Orten zu verteilen, ist ein Beitrag dazu. Eine solche Initiative gewährt dem Spiegel der Tafel eine politische Bedeutung dadurch, dass viele Menschen beginnen zu begreifen, dass in der Gesellschaft die Umverteilung nicht stimmt und dass die Menschen in erster Linie kein Mitleid brauchen, sondern Gerechtigkeit brauchen. Das Autonome Zentrum scheint insgesamt Sorge dafür zu tragen, die Entwicklungen in der Stadt politisch zu reflektieren und dementsprechend in den öffentlichen Raum zu intervenieren. Der Einsatz ist es wert, denn jede Untätigkeit gegenüber der Politik bedeutet, für die Caritas in der Zukunft für immer mehr Leute organisieren zu müssen.

Bericht zum Besuch in Wuppertal von Ludger Weckel 


» Kommentar / Comment / Comentario »

Name Merken
Email
http://
Nachricht
  <?>